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Charles Sealsfield (Carl Postl) 1793 – 1864

sealsfieldCharles Sealsfield zu Gast in Goldegg?

 Neidling / Niederösterreich 2008: Beim Aushub für das Altstoffsammelzentrum in der Werkhalle der ehemaligen Säge Frank in Neidling stieß man auf Unmengen von Bauschutt. Mit dabei der Steinquader eines Grabmales. Der Stein war damals, bei der Auflassung des alten Neidlinger Friedhofes, einfach zum Schüttmaterial der Werkhalle geworfen worden – dementsprechende Transportspuren. Trotz all dem ist zu lesen:

„Ruhestätte des Herrn Johann de Beo Postl, hochfürstlich Auerspergschen Gutsverwalters, geboren am 6. März ….

Johann Nep. Postl, geboren am 22. März 1837, gestorben am 4. Juli 1854“

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Der Grabstein zum Zeitpunkt der Freilegung

  

In den Jahren von ca. 1847 – 1869 war Johann Postl (und dann sein Sohn Heinrich) Verwalter in Goldegg. Johann Postl, der vorher das Amt eines Oberbeamten in Wasserburg ( Niederösterreich ) ausgeübt hatte, scheint seine Aufgabe zur vollsten Zufriedenheit der Fürstenfamilie Auersperg erledigt zu haben. Niemand ahnte damals, dass ein Spross der Familie Postl – nämlich sein Bruder Carl – mit dem Regime Metternichs in Konflikt geraten war, fliehen musste, und des Landes verbannt war. Erst viel später sollte die ganze Wahrheit bekannt werden. Doch alles der Reihe nach:

Der Bruder des Schlossverwalters Johann Postl wurde am 3. März 1783 als Carl Postl in Poppitz in Südmähren, heute Tschechien, geboren. Nach sieben Jahren des Studiums am Znaimer Jesuitengymnasium war dem Wunsch seiner Eltern zu entsprechen und ein geistlicher Studienweg einzuschlagen. Als Novize trat er 1814 in den Prager Kreuzherrnorden ein, wo er mit literarisch hochgebildeten und dem Geist der Aufklärung aufgeschlossenen Männern in Verbindung kam. Nach seiner Priesterweihe stieg er bald zum Ersten Sekretär des Ordens empor.

Das Verhängnis nahm seinen Anfang, als im Jahre 1823 Carl Postl nach Konflikten mit dem Kreuzherrnorden sein Gelöbnis brach und floh. (Erst später erhob man den Vorwurf, er habe eine Unterschlagung von 80.000 Gulden begangen).

Von diesem Zeitpunkt an gelingt ihm unter dem Namen Charles Sealsfield ein völlig neues Dasein. Beschäftigungen als Pflanzer, Journalist, Mexikoreisender, politischer Agent (für Kaiser Napoleon III.) und als Geschäftsmann sind nachgewiesen. Ein Zusammentreffen mit James F. Cooper, dem Verfasser der Lederstrumpferzählung, ist wahrscheinlich. Unerkannt seiner alten Identität reiste er zwischen Amerika und Europa und veröffentlichte seine spannenden Amerikaromane.

Denn gerade dieser Austro-Amerikaner Charles Sealsfield hat die Literatur der Alten und Neuen Welt maßgebend bereichert. Mit Werken wie: „Austria as it is“ (Österreich wie es ist – Der Autor wird wegen des Buches von der österreichischen Geheimpolizei gesucht), „ Der Virey und die Aristokraten“, „Lebensbilder aus beiden Hemisphären“, „Morton, oder die große Tour“, „Das Kajütenbuch“ mit „Die Prärie am Jacinto“ und „Süden und Norden“ gelangen ihm große Romane.

Natürlich wäre es verlockend, allen verschlungenen Pfaden dieses seltsamen und ruhelosen Wanderers nachzugehen. Jedoch muss er die Verbannung als sehr schmerzlich empfunden haben. Schließlich begründete er, von den Vereinigten Staaten enttäuscht, für die letzten Jahre seines Lebens in der Schweiz seinen ständigen Wohnsitz. Während dieser Zeit soll sich Sealsfield auch bei seinem Bruder, dem Gutsverwalter von Goldegg, Johann Postl, unerkannt und in völliger Zurückgezogenheit aufgehalten haben. Nach dem Tod des Schriftstellers (am 26. Mai 1864) berichteten die Zeitungen diesen Umstand ausführlich. Noch immer beeindruckt berichtet die Topographie von Niederösterreich im Jahre 1893:

„… Vor beiläufig zwei Jahrzehnten hat Goldegg viel von sich reden gemacht, indem der daselbst bei Verwandten in menschenfeindlicher Zurückgezogenheit lebende und gestorbene Carl Postl als der berühmte Reisende Charles Sealsfield identifiziert wurde, dessen Schilderungen amerikanischer Sitten und Zustände durch gründliche Kenntnis, Charakterzeichnung und geistvollen Stil zu den besten gehört, was über Nordamerika an Literatur besteht …..“

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Frau Johanna Knechtl († 2001), die 1924 ihren Dienst in Goldegg angetreten hatte, wusste zu berichten: „Noch in den Dreißigerjahren unseres Jahrhunderts erzählte man geheimnisvoll, dass sich ein adeliger Herr wegen seiner politischen Vergangenheit in Goldegg, im Turm neben der Gärtnerei, versteckt gehalten habe. Er soll den Doktortitel geführt haben und ein Bruder des Schlossherrn gewesen sein.“

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich nie ein Spross des Fürstenhauses Auersperg zu verstecken hatte. Angesichts dieser Tatsache ist es vielmehr wahrscheinlicher, dass sich die Erzählung auf die Verwandtschaft des Schlossverwalters bezieht. Somit bleibt Charles Sealsfield, der in der Literaturgeschichte als „der große Unbekannte“ eingegangen ist, diesem seinen Beinamen auch in Goldegg treu. Er blieb für die Bevölkerung geheimnisvoll und „unbekannt“.

 

Was soll wohl mit dem Grabstein geschehen? Herr BM. Karl Schrattenholzer hat dem Schreiber dieser Zeilen die Aufstellung an einem geeigneten Platz zugesagt. Somit bleibt es der Phantasie des Gemeinderates von Neidling überlassen eine entsprechende Bleibe zu finden.

Anmerkungen:

Die letzte Publikation über Charles Sealsfield erschien 2005: Ernst Grabovszki, „Zwischen Kutte und Maske“, „Das geheimnisvolle Leben des Charles Sealsfield“, der auch weiterführende Literaturangaben bietet.

Schlussendlich sei noch vermerkt, dass in Wien und in Deutschland eine Internationale Charles Sealsfield – Gesellschaft existiert. Infos unter: www.univie.ac.at/charles.sealsfield .